Gebäudebegrünung in Europa

Lebende grüne Wände

Kleine Geschichte der Gebäudebegrünung in Deutschland

Von Lisa Klingbeil

Grüne Wände sind schon seit langer Zeit beliebt. Bereits im Mittelalter wurden kletternde Pflanzen an Fassaden kultiviert, oft handelte es sich um Weinreben. Aber wie hat das angefangen und wie haben sich Gebäudebegrünungen weiterentwickelt?

Außerhalb Europa grünte es zuerst

In Asien und Afrika lassen sich erste Kultivierungen von Kletterpflanzen zur Begrünung von Wänden etwa 2000 Jahre zurückverfolgen. Die Weinrebe wurde von den Ägyptern an Wänden gezogen, während in Japan der Japanische Blauregen die Fassaden von Gebäuden zierte. Europa ist in dieser Hinsicht ein„Spätblüher“, da die ersten Hinweise auf Bepflanzung von Wänden erst im Mittelalter zu finden sind.

Besserer Wein wächst an der Wand

Im Zeitalter der Romanik und Gotik, etwa 800 bis 1500 n. Chr., fanden sich in Mitteleuropa vor allem Efeu und Weinreben an Hauswänden. Die Weinreben wurden vorwiegend aus praktischen Gründen als Fassadenbegrünung kultiviert. An den Hauswänden konnten sich die Reben deutlich besser entwickeln als auf freiem Feld, da sie die gespeicherte Wärme für sich nutzten. Die Trauben wurden süß und ergaben einen hervorragenden Wein. Efeu hingegen wuchs wild an den Mauern hoch hinaus und wurde nicht gezielt angepflanzt. Weitere Pflanzen in diesen frühen Wandgärten waren Wildrosen und Geißblatt. Die Kletterpflanzen bewuchsen vorwiegend die Wände von Klöstern und Burgen, nicht die der kleinen Wohnhäuser.

Gebäudebegrünung in Amthof in Oberderdingen

Fassadenbegrünung, wie sie auch schon im Mittelalter ausgesehen haben könnte

Obstgenuss direkt von der Hauswand

Während der Zeit des Barock und der Renaissance (1500–1770) verbreiteten sich die begrünten Wände von den Klöstern bis an die Häuser der einfachen Leute. Zur Begrünung der Hauswände erfreuten sich Spaliere einer großen Beliebtheit. Sie waren oft aus Holz, an denen Obst oder Weinreben gezogen wurden. Das sogenannte Wandobst oder Spalierobst wurde mithilfe von Drähten so befestigt, dass es flach an der Wand wuchs. Damals kamen auch nicht-einheimische Kletterpflanzen wie Wilder Mauerwein oder Klettertrompete in den deutschen Gärten an.

Wandobst wächst an einem Holzspalier

Beispiele für Obst an Holzspalieren

Wandobst wächst mit einem Spalier an einer Hauswand“

Klare Formen oder romantische Verspieltheit

Zur Zeit des Klassizismus (1770–1840) gab es Entwicklungen in zwei Richtungen. Zum einen waren sehr geradlinige und strenge Gartenanordnungen beliebt, in denen die eher verspielte Wandbegrünung keinen Platz hatte. Zum anderen gab es die Gärten im Biedermeier-Stil, der genau diese verspielt-romantischen Aspekte in den Vordergrund rückte. Dort waren mit Efeu bewachsene Wände und Spalierobst zu finden.

Die neue Wandästhetik

Im Historizismus (1850–1914) etablierte sich Wandbegrünung vor allem als ein rein optisches Element. Weinreben wurden nicht mehr überall angebaut, sondern nur noch in bestimmten Gebieten, die klimatisch für den Weinanbau geeignet waren. Es kamen vermehrt Zierspaliere als Schmuckelement an die Häuser. Außerdem wurden dauerhafte Pflanzen-Girlanden an die Wände angebracht. In diesem Zeitraum eroberten weitere neue Kletterpflanzen die deutschen Gärten: Akebie, Wilder Wein und Knöterich sind fester Bestandteil der Hausbegrünung geworden.

Wandbegrünung eines Wohnhauses mit wildem Wein

Hier wird Wilder Wein als Gebäudebegrünung genutzt

Parallel zum Historizismus entstand die Bewegung der Gartenstadt (1900–1940). Im Fokus der Fassadenbegrünung standen hierbei die Selbstversorgung durch Spalierobst und ästhetische Aspekte. Viele Gebäude wurden mit Selbstklimmern begrünt, auch öffentliche und Industriebauten. Die Gartenstadt-Bewegung hielt bis zum Anfang des zweiten Weltkrieges an und verebbte dann.

Urban gardening und Kunst

In der heutigen Zeit ist die Gebäudebegrünung keine Seltenheit mehr. In manchen Städten gibt es sogar Auflagen, dass beim Bau von neuen Gebäuden eine Begrünung einzuplanen ist. Grüne Wände sollen nicht nur das Stadtbild, sondern auch das städtische Klima verbessern. Mittlerweile hat sich ein Trend entwickelt, grüne Fassaden explizit als Kunst anzulegen, wie es beispielsweise der Gartenplaner Patrick Blanc seit Jahren mit viel Kreativität erfolgreich praktiziert. Doch nicht nur der ästhetische und klimaverbessernde Aspekt spielt heute eine Rolle bei der Anlage von Wandbegrünungen, sondern auch die ausgleichenden Dämmeigenschaften und ihr Wert als Lebensraum für Vögel und Insekten.

Gebäudebegrünung ist schon lange ein Begleiter der Wohn- und Gartenkultur, ausgehend von der Kultivierung von Nutzpflanzen über rein ästhetische Anlagen bis hin zu einer Mischung aus beidem. Vertikale Wandgärten sind vielseitig und die Beweggründe, sie zu kultivieren, einem ständigen Wandel unterworfen.

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