Vertical Farming

Vertical Farming – Wenn es die Landwirtschaft in die Höhe treibt

Vom Farmscraper bis zum Küchengarten

Von Caren Fuhrmann I ©Christine Zimmermann-Loess

Landwirtschaft in der Vertikalen? Das klingt utopisch. Doch angesichts einer für das Jahr 2050 prognostizierten Weltbevölkerung von weit über 9 Milliarden Menschen, von denen zwei Drittel in Städten leben werden, ist die Sicherung ihrer Ernährung eines der zentralen Themen der Gegenwartsforschung. Ausgelaugte Böden, Dürre, Überschwemmungen sowie Monopolstrukturen in der Agrarwirtschaft setzen der konventionellen Nahrungsmittelproduktion Grenzen. Es gibt Visionäre, die im Vertical Farming die Lösung sehen. Und das ist keine Zukunftsmusik mehr.

Vertical Farming ist eine Sonderform der urbanen Landwirtschaft. Ganz pauschal versteht man darunter Kultivierung von Gemüse, Korn und Co in senkrechten Beeten, Wandgärten und hochkanten Bepflanzungssystemen. In städtischen Ballungszentren werden dabei vorwiegend pflanzliche Erzeugnisse (Salate, Kräuter, Tomaten, Erdbeeren u. a.) in mehrstöckigen Gewächshäusern (Farmscrapers) angebaut. Sie wachsen in Hydrokultur (oder auch Hydroponik), also in anorganischem Substrat und in Nährstofflösung statt in Erde. Durch automatische Regelung der Versorgungskreisläufe, des künstlichen Lichts und der Temperatur lassen sich saison- und wetterunabhängig Früchte, Gemüse, essbare Speisepilze, Algen u. a. produzieren. Zu den Vorteilen dieser Anbaumethode gehört, dass die benötigten horizontalen Anbauflächen, die Transportkosten, die Treibhausgase, die Pestizide und die Düngemittel auf Null sinken oder sich drastisch reduzieren und dass die Konsumenten frische Produkte von hohem Nährstoffgehalt bekommen. Dagegen stehen Argumente wie Mehrkosten für Heizung und künstliche Beleuchtung.

Die Initialzündung

Im Jahr 2010 erschien das Buch The Vertical Farm: Feeding the World in the 21st Century” von Dr. Dickson Despommier, Professor an der US-amerikanischen Columbia University. Die Vision dieses nunmehrigen Standardwerkes fand international ein großes Echo. Die Regierungen von China, Indien, Mexiko, Jordanien, Brasilien, Kanada und Korea luden Prof. Dr. Despommier zu Gesprächen ein, er hielt Vorträge auf Kongressen und an Universitäten überall in der Welt. Erstmals wurde es vorstellbar, die globalen Ernährungsprobleme der gegenwärtig 7,5 Milliarden Erdenbürger in den Griff zu bekommen.

Association for Vertical Farming – Internationales Netzwerk mit weit über 300 Mitgliedern

Im Juli 2013 initiierten der damals 24-jährige Student für International Food & Agribusiness, Max Lössl, und die im internationalen Business erfahrene Politikwissenschaftlerin Christine Zimmermann-Lössl in München die Gründung der Association for Vertical Farming (AVF). Prof. Dr. Despommier konnten sie für den Beirat gewinnen. Ihr Ziel: eine Plattform für den internationalen Austausch und die Weiterverbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse und praktischer Erfahrungen rund um Vertical Farming aufzubauen. In Windeseile wuchs das Netzwerk der Non-Profit-Organisation.
„Zu den heute über 300 Mitgliedern zählen rund 90 Firmen – darunter 12 Global Player wie Microsoft, IKEA, Phillips und die Metro-Group –, Forschungsinstitute, Organisationen, kleine Start-ups und Einzelpersonen“, erläutert die Vorstandsvorsitzende Zimmermann-Lössl. „Jedes Mitglied, ob einflussreiches Unternehmen oder Privatperson, hat genau eine Stimme, damit ist der Demokratiegrundsatz gewahrt.“
Die breite internationale Ausrichtung zeigt, dass das Problembewusstsein global ist und Lösungsansätze breite Beachtung finden. Christine Zimmermann-Lössl erläutert: „Um den internationalen Austausch und die Vernetzung weiter voranzutreiben, organisieren wir Workshops und Infotage in Asien, Europa und Nordamerika, außerdem unsere jährlich an einem anderen Ort ausgerichtete Konferenz. Im September dieses Jahres tagen wir an der University of the District of Columbia in Washington/D.C.“ Auf die Themen darf man gespannt sein.

Im Interesse der Mitarbeiter und Kunden

Was haben Großunternehmen wie Microsoft oder die Metro-Group mit Vertical Farming zu tun? Ganz einfach, sie setzten es um. Im Headquarter von Microsoft in Redmont/Washington werden die Mitarbeiter mit hochwertigem, frischem Salat und Kräutern aus Hydrokultur versorgt. In Salattürmen und in Kühlvitrinen wachsen sie unter Plasmalicht rund ums Jahr direkt in der Kantine. Dort kommen die grünen Gesundmacher schon seit zwei Jahren aus dem Pflanzgefäß direkt auf die Teller. Nebeneffekt: Entspannte Atmosphäre und besseres Raumklima.

Auch in Deutschland gibt es erste vertikale Farmen: Im METRO-Großmarkt in Berlin-Friedrichshain wachsen seit Februar 2016 verschiedene Kräuter- und Gemüsesorten vor den Augen der Kunden in einem hochtechnisierten Indoorgarten. Hydroponisch angebaut gedeiht die Ware ohne Pestizide und resourcenschonend. Die Kunden erhalten saisonunabhängig eine absolut frische und damit die vitalstoffreichste grüne Kost, die es gibt. Gastronomen schätzen ihren aromatischen Geschmack. Nebeneffekt des vertikalen InStore-Farmings: Man kann dem Salat vor Ort beim Wachsen zusehen.

Geht Vertical Farming auch ganz klein?

Das funktioniert auch in der eigenen Wohnküche. Einen Gewächsgarten im Kühlschrankformat hat Maximilian Lössl mit seiner Start-up-Firma Agrilution entwickelt. Im Plantcube wachsen in einem geschlossenen System bis zu 30 verschiedene Salat- und Kräutersorten auf eigens entwickelten Saatmatten heran. Eine dreiköpfige Familie kann sich damit ihre Ernährung nachhaltig verbessern. Das frisch geerntete Gemüse hat einen deutlich höheren Nährstoffgehalt als das aus dem Supermarkt. Spezial-LEDs, die gemeinsam mit der Firma OSRAM entwickelt wurden, sorgen für das richtige Licht. Die Stromkosten werden kompensiert durch eine 98 %ige Einsparung von Wasser und 60 %ige Reduzierung von Düngemitteln im Vergleich zu herkömmlicher Produktion. Die Steuerung erfolgt bequem durch eine App auf dem Smartphone. Die ersten Kunden testen den Plantcube schon, im Herbst 2017 soll die Serienproduktion starten.

Wenn aus der Vision Realität wird

Vor einem Jahr, im Mai 2016, wurde in Jackson/Wyoming, eines der ersten Großprojekte der vertikalen Landwirtschaft eingeweiht. Vertical Harvest ist ein dreigeschossiges Gewächshaus auf einer Fläche von rund 1.250 Quadratmetern. Unter der Leitung des dänischen Spezialisten Thomas Larrsen entstand ein an extreme klimatische Bedingungen adaptiertes Gebäude mit einer Anbaufläche von 400 Quadratmetern. 45 Tonnen Salat, Kräuter und Tomaten ernten die vertikalen Farmer pro Jahr, fünfmal so viel, wie auf einer gleich großen konventionellen Ackerfläche erreicht wird. Die Besonderheit des Unternehmens ist der soziale Aspekt. Hier arbeiten mehr als 15 geistig und körperlich behinderte Menschen.

Der Weg zu Agrarbetrieben im Hochhaus ist eingeschlagen. Kimbal Musk zum Beispiel – Bruder des Tesla-Autobauers Elon Musk – hat sich der Ernährung der Zukunft verschrieben. Er investiert in Forschungsprojekte für den Anbau in riesigen Hochhäusern, den Farmscrapern. In nicht allzu ferner Zukunft könnten darin überall in der Welt auf bis zu 50 Etagen von unten nach oben Äpfel, Pfirsiche, Tomaten, Erdbeeren, Salat und Kräuter wachsen.

Visionäre wie Despommiers, Investoren wie Musk, Unternehmer wie Lössl und Netzwerker wie die Association for Vertical Farming sind die Wegbereiter einer modernen Agrarwirtschaft, die die wachsende Erdbevölkerung ernähren könnte. Seit den antiken Hängenden Gärten von Babylon haben die Menschen ihre Ideen mit innovativen Methoden verwirklicht. Vertical Farming ist kein Weltwunder, sondern ein weiterer Meilenstein in der erfindungsreichen Menschheitsgeschichte.

5 Gedanken zu „Vertical Farming

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