Indoor- und Großstadtflair

Mit Indoorfarming die Stadt versorgen –  ist das möglich?

Ein Kommentar von Jana Northe I © Inter IKEA Systems B.V. 2017

Dass Lebensmittel wie Obst oder Gemüse nicht mehr in der Natur oder auf dem Feld wachsen müssen, um qualitativ hochwertig oder lecker zu sein, wissen wir schon lange. Holland macht mit seinen großen und imposanten Gewächshäusern vor, was der Trend der Zukunft ist. Lebensmittel werden zunehmend in Indoorfarmen produziert. Das heißt ohne Erde und Pestizide. Dafür mit Dünger unter LEDs und Ventilatoren.

Wenn immer mehr Menschen vom Land in die Stadt ziehen, braucht es ein Versorgungskonzept unabhängig vom Land. Ballungszentren sind abhängig von den Lebensmittelproduzenten außerhalb der Stadt und andersrum. Immer weniger Landwirte versorgen immer mehr Menschen. Dadurch wird der Druck auf den Produzenten immer größer, die Preise aber gehen zurück und so wird nur noch nach dem Prinzip „Masse verkauft Masse“ gewirtschaftet. Das Vertrauen der Verbraucher schwindet, was angesichts der Entfernung zum nächsten Anbauer auch nicht verwunderlich ist, denn keiner weiß mehr, wie die Nahrung angebaut wird. Die Umwelt wird täglich heftigen Abgasen ausgesetzt, weil Transporter das Gut von Pontius nach Pilatus transportieren, damit wir auch im Winter Erdbeeren, Äpfel, Salat und Co kaufen können.

Die Zukunft sieht anders aus. Alternativen gibt es, aber noch nicht in einem Stadium, in dem ganze Städte versorgt werden können. In Italien bauen Forscher und Wissenschaftler gerade Mega-Plattformen auf dem Meer, wo auf bis zu drei Stockwerken Obst und Gemüse angepflanzt werden kann. Wasser aus dem Meer wird gefiltert und bietet mit seinen Nährstoffen optimale Wachstumsbedingungen. Ebenso testen Forscher an der italienischen Küste große, wohnraumähnliche Ballons, die 8 Meter unter der Wasseroberfläche im Boden verankert werden. In ihnen wachsen Erdbeeren, Salat und Basilikum. Das Licht und die daraus entstehenden Reflexionen im Wasser reichen aus, um die Fotosynthese der Pflanzen auszulösen.

Sollten wir mal wieder unter einer Sintflut leiden, sind das hilfreiche Versorgungsalternativen. Nicht aber für Städter im Landesinneren.

Da spricht mich schon eher das Indoorfarming an. Dazu werden Obst und Gemüse in Wohnräumen, Kellern von Mehrfamilienhäusern, leerstehenden Hallen oder sogar im Hauptbahnhof produziert. Das geht auch ohne große Agrarmaschinen oder Erde. Als Verbraucher können wir wieder durch die eigenen Hände etwas zum Wachsen bringen. Optimiert durch energiesparende LEDs und Zeitschaltuhr, Feuchtigkeitsregler und BIO-Saatgut, braucht es nicht mal einen grünen Daumen, um leckere Früchte oder Salat zu ernten.

Die USA sind lange Vorreiter, wenn es um die Indoorfarmen geht, und präsentieren laufend neue Technologien. Und auch in Europa gibt es immer mehr Start-up-Unternehmen und Gemüseanbauer, die in urbanen Gegenden nicht genutzte Räume als neue Anbauflächen sehen. In London zum Beispiel baut das Unternehmen „Growing Underground“ Salate und Kräuter in den Luftschutzbunkern der Stadt an. Verkauft wird das Erntegut für stolze Preise an Restaurants und an Privatpersonen in der direkten Umgebung.

Die Phase, in der Indoorfarming als politische Kontroverse genutzt wurde, um sich von der Masse abzusetzen, haben wir überwunden. Selbst IKEA hat sich „Grün“ auf die Fahnen geschrieben und verkauft Komplettpakete, mit denen man seinen eigenen Mini-Gemüsegarten in die Wohnung stellen kann. Zur Wahl stehen Modelle ab 80 € bis 300 €, damit kann sich der bewusste Esser wie der Schöpfer persönlich ein paar Salate und Kräuter im Jahr ziehen. Das reicht zwar nicht, um sich komplett selbst zu versorgen, lässt uns aber dem Prozess des natürlichen Wachstums wieder näherkommen.

Was im Kleinen funktioniert, klappt auch im Großen. Und wo hätten die urbanen Indoorfarmer eine bessere Gelegenheit sich zu verwirklichen, als in verlassenen Gebäuden, leerstehenden Wohnungen oder auch auf Dächern? Obwohl der Raum in den Städten immer geringer wird, gibt es doch noch unzählige ungenutzte Flächen. Nahezu jeder Raum und jede Nische eignen sich für den Nutzpflanzenanbau. Ob das reicht, um jeden Verbraucher zu versorgen, ist fraglich. Irgendjemand muss sich auch um die Produkte kümmern, wenn sie wachsen. Das wiederum braucht viele Menschen, die sich der Sache annehmen wollen und ihren Lebensunterhalt mit dem Anbau von Gemüse, Obst, Kräutern und Salat verdienen möchten und davon leben können.

Daran zweifle ich ehrlicherweise noch sehr, auch daran, dass es in Deutschland möglich sein wird, einfach so Lebensmittel für den Verkauf anzubauen. Noch mehr zweifele ich am deutschen Bauamt. Verlassene Gebäude müssen vermutlich für Abertausende Euros saniert und brandschutz-, klima- und fabriktauglich, Häuserdächer absturzsicher und Wohnungen arbeitnehmerfreundlich gemacht werden.

Doch erfüllt mich der Gedanke, künftig einen Teil der Lebensmittel im eigenen Hausflur ernten zu können, trotzdem mit einer gewissen Zufriedenheit.

Ich frage mich aber auch, wie zielführend oder wettbewerbskonform der Anbau in der Stadt und auf dem Land ist. Produziert der Landwirt Masse auf den Feldern für unter 5 Cent je Salatkopf, ist das im Indoorfarming in der Stadt nicht möglich, obwohl deutlich weniger Energie und Wasser gebraucht werden und keine teuren Spritzmittel zum Einsatz kommen. Gerechnet auf die mögliche Anbaufläche und die Zeitinvestition, wären Preise von drei und vier Euro für einen Salatkopf nicht unüblich. Angesichts des typischen Kaufverhaltens der Deutschen lässt sich erahnen, dass es nicht lange dauern würde, bis die Menschen auf die Barrikaden gehen. Die meisten Deutschen kaufen vor allem eins: billig. Wo das Grünzeug herkommt und wie es produziert wird, steht an letzter Stelle des Interesses, auch wenn wir das so nicht direkt zugeben würden. Brauchen wir auch nicht, denn die offiziellen Studien und Zahlen zu dem Thema zeigen die ungeschönte Wahrheit. Essen muss billig sein. Bevor wir also in großen Indoorfarming-Dimensionen rechnen, müssen wir unser Kaufverhalten grundlegend in neue Bahnen lenken und die Preise der Lebensmittel an deren Wert anpassen.

Das Konzept Indoorfarming hat Potential, da brauchen wir nicht zu diskutieren. Inwieweit wir die Pläne dazu umsetzen können, um tatsächlich viele Menschen täglich mit Lebensmitteln aus dem urbanen Indoorfarming zu versorgen, wird die Zukunft zeigen. Es braucht dafür die Unterstützung aus der Bevölkerung und den tatsächlichen Wunsch, näher im Einklang mit der Natur und Schöpfung zu stehen.

2 Gedanken zu „Indoor- und Großstadtflair

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.