Porträt Patrick Blanc

Der Pariser Botaniker Patrick Blanc

Pionier der vertikalen Gärten

Der 64-jährige Franzose Dr. Patrick Blanc, ist Erfinder der senkrechten Gärten unserer Zeit. Seit fast drei Jahrzehnten überzieht er Außenfassaden mit einer grünen Haut und bildet den Dschungel in Innenräumen ab. Unter Anwendung seines eigenen Patents hat der „grüne Mann“, wie er oftmals genannt wird, weltweit lebende Wände geschaffen. Mit seinen Pflanzenwelten will der Botaniker zeigen, wie wichtig die urbane Integration von vertikalen Beeten ist.

Von Anette Hämmerling

Er ist Botaniker, färbt sich seine Haare grün, hat auffallend lange Fingernägel, manchmal grün lackiert, und trägt Kleidung, die mit Motiven aus der Vegetation bedruckt ist. Kein Wunder, dass sein Zuhause eine außergewöhnliche grüne Oase in Paris ist.

Das äußerlich schlicht wirkende Haus des Gartenkünstlers im multikulturellen Pariser Vorort Ivry-Sur-Seine im Arrondissement Créteil erweist sich beim Betreten als Mogelpackung. Im Inneren offenbart sich in dem restaurierten ehemaligen Industriegebäude mit Gewerbehof ein Loft, das der Gartenarchitekt zu einem Indoor-Dschungel verwandelt hat. Eine Wand des Innenhofs ist imposant mit wuchernden Farnen, Gräsern und Irispflanzen begrünt.

Das Zentrum des Lofts ist das Büro, in dem Blanc skizziert, plant, entwirft und forscht. Sein Schreibtisch steht auf einem gigantischen, im Fußboden eingelassenen begehbaren Aquarium mit einem Volumen von 20.000 Litern. Darin tummeln sich Schwärme an Fischen und wuchern exotische Wasserpflanzen.

Patrick Blancs Zuhause ist eine Art Versuchsanstalt. Eine riesige Wand, bepflanzt mit unzähligen tropischen Pflanzen, ragt in den Himmel und vermittelt die Illusion eines Dschungels. Die Wandpflanzen erhalten ihre Nährstoffe aus dem Wasser des Aquariums. Aus einem perforierten Schlauch rieselt Wasser über die seltenen Gewächse, das im Aquarium wieder aufgefangen wird. Ein ökologischer, sich selbst versorgender Kreislauf.

Prachtfinken, Brillenvögelchen und ein kleiner Leguan leben auch im Loft. Sie halten die Schädlinge von den Pflanzen fern. Der exzentrische Paradiesvogel Blanc hat sich seinen eigenen Urwald geschaffen. In diesem Pariser Domizil lebt der Naturforscher mit seinem Lebensgefährten Pascal Heni, einem bekannten Musiker. Heni begleitet den Naturforscher auf dessen Reisen, und Blanc schreibt für seinen Lebensgefährten Songtexte.

Eine Kostprobe seiner interpretatorischen Kunst gibt es auf Youtube mit dem bekannten Lied „Nur nicht aus Liebe weinen“ von Zara Leander.

Früh übt sich, wer ein Meister werden will

Der renommierte Pflanzenkundler mit Professorentitel ist schon als kleiner Junge von der Natur fasziniert. In der Wohnung seiner Eltern in Paris studiert er ein Aquarium, für das er sein Taschengeld ausgibt. In ausländischen Fachzeitschriften, die er nur mit Hilfe eines Wörterbuches entziffern kann, liest er Wissenswertes über die Reinhaltung des Aquarienwassers durch Wurzeln von Zimmerpflanzen.

Patrick Blanc als kleiner Junge vor tropischen Gewächsen

Patrick Blanc im Alter von 12 Jahren in einem Gewächshaus in Lissabon. Foto: Patrick Blanc

Jahre später studiert Blanc Biologie. Im Alter von 19 Jahren macht er seine erste Forschungsreise in den Regenwald des Nationalparks Khao Yai in Thailand. Sein Interesse gilt den Epiphyten (Aufsitzerplanzen) und den vielfältigen Unterholzgewächsen. In den Folgejahren unternimmt er in den Semesterferien Reisen zu den Primärwäldern. Mit 25 Jahren promoviert Blanc. Seine Doktorarbeit schreibt er über Urwaldpflanzen des Unterholzes, die mit weniger als einem Prozent des Sonnenlichts auskommen.

Schon in seiner Studentenbude experimentiert Blanc mit der vertikalen Anzucht von Moosen auf Kokosfasern und Steinwolle. Sogar ein Putzlappen hat als Untergrund herhalten müssen. Unzählige Rückschläge haben den Forscher auf die Idee gebracht, auf Synthetikvlies zu pflanzen. Durch seine Beobachtungen auf Forschungsreisen weiß Blanc, dass Pflanzen auf Felsen nur eine sehr dünne Humusschicht und viel Wasser benötigen. Seine Erfindung meldet er zum Patent an, das im 1988 erteilt wird. Im Jahr 1989 habilitiert sich Blanc.

Nachdem er sich bis dahin ausschließlich mit tropischen Pflanzen beschäftigt hat, beginnt er die Flora der gemäßigten Breiten zu erforschen. Seine erste Pflanzenwand im Außenbereich entsteht 1991. Der befreundete Gartenarchitekt Eric Ossart bittet Blanc, für das Internationale Gartenfestival in Chaumont-sur-Loire 1994 einen vertikalen Garten zu gestalten. Gesagt, getan. Das war der Durchbruch des exotischen Botanikers. Die Teilnahme an unzähligen Kongressen über die Ökologie des 21. Jahrhunderts, über die Begrünung der Städte, Klimawandel, Nachhaltigkeit und Umweltverschmutzung folgen. Vertical Gardening scheint ein geeigneter Lösungsansatz zu sein.

Bis heute hat der Gartenkünstler unzählige kleine und große Projekte in der ganzen Welt realisiert. Darunter sind die Innen- und Außenbegrünungen von Fassaden von Wohn- und Kaufhäusern, Hotels, Flughäfen, Metrostationen, Markt- und Messehallen, aber auch Garteninstallationen. Der Gartenarchitekt begrünt nicht nur bekannte Gebäude renommierter Architekten. Er konzipiert auch grüne Oasen in Brennpunkten. Sein vegetabilisches Schaffen dokumentiert er auf seiner Website

Blanc schaut sich in einem Fluss Pflanzen an

Der Botaniker Patrick Blanc in seinem Element. Foto: Patrick Blanc

Enormes Wissen in der Botanik und akribische Planung

Jedes Projekt wird einzeln geplant und entworfen. Mit einem Bleistift skizziert der Meister von Hand den Pflanzenplan. Dabei schöpft er aus seinem eigenen Archiv mit mehr als 10.000 Pflanzenfotos, die er auf der ganzen Welt selbst gemacht hat. Die Pflanzenarten werden in seinen Skizzen mit Nummern versehen, damit der Landschaftsgärtner bei der späteren Realisierung noch den nötigen Überblick behält. Für Blanc typisch sind die diagonalen Pflanzenstrukturen und die unterschiedlichen Höhen der Gewächse. An seinen grünen Wandinstallationen wachsen mehr als 100 Pflanzenarten. Diese Biodiversität hält Pflanzenkrankheiten in Schach.

Blanc posiert mit seiner neu entdeckten Begonia blancii

Patrick Blanc entdeckt eine neue Begonienart, die „Begonia blancii“ auf den Philippinen. Foto: Patrick Blanc

Das Schaffen des Gartenkünstlers ist gigantisch und seine Neugierde ungebrochen. Auf den Philippinen hat er eine blaublättrige Begonienart entdeckt, die als „Begonia blancii“ in die Wissenschaftsliteratur eingegangen ist. Sein enormes Wissen über Pflanzen teilt Blanc mit anderen. Er hat Bücher geschrieben und hält Vorträge in der ganzen Welt. Am 20. Juni dieses Jahres wird Blanc als Referent zum Weltkongress Gebäudegrün (WGIC) nach Berlin kommen.

Der Pflanzenversteher will hoch hinaus

Da in den meisten Großstädten Platzmangel herrscht, baut Blanc seine grünen Wände in die Höhe. Mit seinem Patent kann er sogar hoch hinausgelangen. Ein Quadratmeter Pflanzenkomposition wiegt bei seinem Verfahren – auch im feuchten Zustand – nur drei Kilogramm. Bei anderen Systemen sind es mindestens 20 Kilogramm.

Man vermutet hinter seinen Projekten ein großes Planungsteam. Doch der Gartenkünstler arbeitet weitgehend allein. Zu Beginn eines Auftrags besichtigt er Objekt, das mit einer Pflanzenhaut überzogen werden soll, prüft die Ortsbedingungen und das Klima. Erst dann werden die Pflanzenarten ausgesucht, die zum jeweiligen Klima passen. Für den Innenbereich sind das ganz andere Pflanzen als für Outdoor-Projekte. In wärmeren Klimazonen können viel mehr Pflanzenarten eingesetz werden als in kälteren Regionen.

Keines seiner vertikalen Gartenprojekte gleicht dem anderen.


Zur Person

Patrick Blanc

Der französische Botaniker Dr. Patrick Blanc wurde 1953 in Paris geboren. Als Junge im Alter von zehn Jahren faszinierten ihn seine Aquarien. Im Alter von 19 Jahren ging er als Student der Biologie nach Thailand in den Regenwald des Nationalparks Khao Yai. Nach seiner Rückkehr entwickelte er 1982 in seinem Haus in Paris seinen ersten vertikalen Garten. Blanc wurde 1978 promoviert mit seiner Dissertation über Urwaldpflanzen des Unterholzes, die

Patrick Blanc bei sich Zuhause am Schreibtisch

Patrick Blanc zu Hause an seinem Schreibtisch. Foto: Patrick Blanc

mit rund einem Prozent des Sonnenlichts auskommen. 1989 habilitierte er sich (Docteur ès sciences) an der Université Pierre et Marie Curie in Naturwissenschaften. Seinen Durchbruch als Gartenarchitekt erlebte er 1994 beim Festival International des Jardins (deutsch: Internationales Gartenfestival) in Chaumont sur Loire. Seit mehr als 40 Jahren entwickelt der Gartenkünstler seine weltberühmten „mur végétal“ (deutsch: Pflanzenwände). Dies sind senkrechte Beete, auf denen er dem jeweiligen Lokalklima angepasste Pflanzen wachsen lässt. Bis zum Jahr 2014 arbeitete der international bekannte Gartenarchitekt am Centre national de la recherche scientifique (CNRS – deutsch: Nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung). Die Erfindung von begrünten Wänden geht zurück auf ein Patent im Jahr 1938 von Professor Stanley Hart White an der University of Illinois, Urbana-Champaign. Blanc modernisierte das Verfahren und machte es weltweit bekannt.

Vertikale Gärten von Patrick Blanc

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